Wie der Strom in unsere Region kam
Zusammengetragen und aufbereitet von Bernd Gumpert.
Stellen wir uns das Leben in Heyda vor dem 02. Dezember 1912 vor, denn an diesem Tag wurde Heyda und auch Kobeln erstmalig mit Elektroenergie versorgt. Deshalb vor 1912, weil es vor diesem Zeitpunkt noch keine Stromversorgung in diesen Orten gab. Es gab keine elektrische Beleuchtung, keine motorischen Antriebe. Also, man hatte Petroleumlampen und Kerzen, um bei Dunkelheit etwas sehen zu können. Im Stall und nicht nur in Küche und Zimmern brauchte man zum Beleuchten diese. Alle Arbeiten wurden mit der Hand oder mit Tieren verrichtet. Das Wasser wurde aus den Brunnen gezogen oder per Hand gepumpt. An Kühlschrank, Radio oder Fernseher war noch lange nicht zu denken. Auch Tanzveranstaltungen wurden bei Kerzenlicht und handgemachter Musik ohne elektrischen Verstärker durchgeführt.
Wie kam nun der Strom in unsere Region?
Die Erzeugung von Strom mittels des Dynamoprinzips hatte 1867 Werner von Siemens erfunden. Damit war eine wirtschaftliche Stromerzeugung möglich. Es gab aber noch viele Fragen zu lösen, um auch entfernte Orte mit Strom zu versorgen. 1884 wurde das erste Elektrizitätswerk in Deutschland gebaut und 1891 gelang die Übertragung von Drehstrom über eine 179 km lange Freileitung. Die Übertragung mittels Drehstroms brachte dann auch den Durchbruch. Man war sich lange Zeit nicht einig, ob die Versorgung mit Gleichstrom oder Wechselstrom (Drehstrom) erfolgen sollte. Es gab zahlreiche Städte in Deutschland (auch Riesa und Strehla), die zunächst eine Gleichstromversorgung aufbauten, aber später einsehen mussten, dass Wechselstrom (Drehstrom) bessere technische Vorteile bietet. Die Städte und kleinen Betriebe waren die Vorreiter für die Nutzung von Elektroenergie.
Die vielen Vorteile, die der Strom bietet, wurden auch von Rittergutsbesitzern und Großbauern unserer Region erkannt. In der Landwirtschaft arbeiteten zu dieser Zeit sehr viele Leute, da ja alles von Hand verrichtet wurde. Da die Errichtung eines Kraftwerks auf dem Rittergut oder Hof nicht sinnvoll und unökonomisch gewesen wäre, war es folgerichtig, Überlandleitungen zu bauen und auch die Bevölkerung und die Gewerbebetriebe ebenfalls mit Strom zu versorgen.
Bereits 1909 wurde in den Amtshauptmannschaften Großenhain, Oschatz, Meißen und Döbeln über die Errichtung einer überregionalen Stromversorgung beraten. Am 29. Dezember 1909 wurde ein Gemeindeverband für die Amtshauptmannschaften Großenhain, Oschatz, Meißen mit der Ausdehnungsmöglichkeit auf die Amtshauptmannschaft Döbeln gegründet. Im Januar 1910 trat auch die Amtshauptmannschaft Döbeln bei. Der Verband nannte sich Elektrizitätsverband Gröba (EV). Aus heutiger Sicht denkt man sich, dass überall Zufriedenheit herrschte, aber das Gegenteil war der Fall. Das Unternehmen der Verbandsgründung wurde stark angefeindet und es gab einige, die versuchten, die Ausführung des Projektes irgendwie zu unterbinden. Im Juni 1910 wurde nach einigen Querelen die Satzung durch das Innenministerium von Sachsen genehmigt, welche auch die Verpflichtung enthielt, alle Mitgliedergemeinden, auch die abgelegensten Kunden, mit Strom zu versorgen.
Der erste Vorstand bestand aus den Vorsitzenden Rittergutsbesitzer von Gröba Georg von Altrock, sowie zwei Bürgermeistern, zwei Rittergutsbesitzern, drei Gemeindevorständen, einem Mühlenbesitzer, einem Gutsbesitzer, einem Ökonomierat, einem Fabrikbesitzer und einem Schlossermeister. Einer der drei Gemeindevorstände war Herr Däweritz aus Prausitz. Der Rittergutsbesitzer Georg von Altrock aus Gröba war derjenige, der sich stark engagierte und auch Land in Gröba zur Verfügung stellte, wo das Umspannwerk und auch das Verwaltungsgebäude (ehemalige Poliklinik des Stahlwerkes- jetzt Ärztehaus) errichtet wurden.
Ursprünglich war geplant, ein Kohlekraftwerk in Gröba zu errichten, weil man dort Kohle verstromen wollte, die auf dem Wasserweg oder per Bahn nach Gröba (Riesa) gebracht werden sollte. Der Bau wurde aber in letzter Minute gestoppt, weil das Lauchhammerwerk in Lauchhammer 1910 beabsichtigte, ein Großkraftwerk auf Braunkohlenbasis zu errichten. Die geplante Freileitung von 100 kV (in Europa die erste ihrer Art) sollte die beiden Zweigwerke in Gröditz und Riesa (Stahlwerke) mit Elektroenergie versorgen. Für das Lauchhammerwerk war der EV ein beachtenswerter Abnehmer. Der Stromliefervertrag hatte eine Laufzeit von 40 Jahren. Die Inbetriebnahme der Trasse erfolgte am 24. Januar 1912.
Im Frühjahr 1911 begannen sieben Firmen mit dem Netzausbau. Es wurden 120 km 60‑kV‑Freileitung mit fünf Umspannwerken errichtet. Die Versorgungsspannung zu den einzelnen Orten betrug 15 kV. Es wurden dazu 1300 km 15‑kV‑Freileitung errichtet. Die eigentliche Ortsnetzspannung betrug 220/110 V, diese wurde mittels Transformatoren von 15.000 V in 220/110 V umgewandelt. Im EV wurden ca. 700 Transformatorstationen einschließlich Ortsnetze errichtet. Der Bau ging zügig voran, so dass bereits am 20. März 1912 der erste Ort (Pulsen bei Gröditz) mit Strom versorgt wurde. Mitte 1914 waren alle Orte versorgt. Man bedenke, welche Leistung da vollbracht wurde. Heute braucht man 7 bis 10 Jahre, um Trassen genehmigt zu bekommen – die Energiewende lässt grüßen.
In Heyda wurden zwei Transformatorstationen errichtet, eine im Unterdorf und eine im Oberdorf. Davon ist die im Unterdorf noch erhalten, während die im Oberdorf am 22. Mai 1982 abbrannte. Diese Trafostationen haben ein typisches Aussehen, man kann sagen, es war der Typ „EV Gröba“. In vielen Orten sind diese Gebäude noch erhalten und werden auch noch als Trafostation genutzt. So auch die im Unterdorf, die 1993 baulich saniert wurde.
Die 15‑kV‑Freileitung kam aus Richtung Riesa–Mergendorf und bestand aus Holzmasten, die Masten wurden Anfang der 70er Jahre durch Betonmasten ersetzt. Interessant ist auch, dass in Heyda zwei Stahlgittermasten standen, deren Leiterseile die Straße Richtung Meißen etwa Höhe Kriegerdenkmal überquerten.
Im Jahr 2011 wurde diese Trasse aus Richtung Riesa kommend abgerissen.
Das Ortsnetz selbst hatte eine Spannung von 3×220 V (Drehstrom), die Wechselspannung betrug somit 110 V, mit denen Geräte, also Lampen, Bügeleisen, Tauchsieder usw. betrieben wurden. Das Ortsnetz bestand als Freileitung, die auf Holzmasten ausgeführt war. Die Hausanschlüsse und Hausanschlussleitungen wurden entsprechend des beantragten Anschlusswertes ausgelegt. Es mussten dafür Gebühren entrichtet werden. So z. B. für 500 W 7,50 RM, bei 5000 W 15,00 RM. Heute würde kein Haushalt mit 500 W auskommen, damals wurden aber zunächst nur elektrische Lampen betrieben, es sei denn, es waren größere Bauernhöfe oder Handwerksbetriebe, die Motoren einsetzten. Die zur Verfügung gestellte Leistung im Ortsnetz unterschied sich gegenüber heute, dadurch, dass eine höhere Kurzschlussleistung bereitsteht. Wollte man früher einen Motor einschalten, so hatte man diesen mit einem Anlasser in Betrieb zu nehmen, ohne diesen Anlasser brach die Spannung im Ortsnetz zusammen. Deshalb wurden die E‑Motoren der Dreschmaschine mittels eines Anlassers in Betrieb gesetzt. In den Häusern wurden neben den Hauptsicherungen (heute Hausanschlusskasten) auch die Zählerplätze auf Marmortafeln installiert. Ich kann mir vorstellen, dass es wie ein kleines Wunder gewesen sein mag, als die erste Glühlampe leuchtete. Auch wurde ab dieser Zeit die Straßenbeleuchtung in den Orten errichtet. Nach und nach wollte jeder elektrischen Strom haben, so dass in kurzer Zeit die Anzahl der Abnehmer schnell anstieg und somit immer mehr Leistung bereitgestellt werden musste. Was bei der Gründung des EV wie eine Zitterpartie aussah, entwickelte sich in kurzer Zeit zu einer Erfolgsgeschichte. Was man bei Gründung des EV nicht wusste, war aber ab 1914 mit Ausbruch des 1. Weltkrieges spürbar. Es mussten viele Männer in den Krieg ziehen, dank der Elektrifizierung auf dem Land konnten erforderliche Arbeiten mit Maschinenkraft ersetzt werden, sonst wären die Ausfälle hinsichtlich Nahrungsgüterproduktion noch viel schlimmer ausgefallen, als wie sie es schon waren. Nach dem ersten Weltkrieg stieg der Elektroenergieverbrauch beständig an, konnte aber durch Neubau eines eigenen Kraftwerkes im Jahre 1926 in Plessa den Bedarf weitestgehend abdecken. Nach 1945 gab es aufgrund Kriegseinwirkung doch erhebliche Lieferschwierigkeiten. Bis Anfang der 50er Jahre gab es regelmäßige Stromunterbrechungen, wir als Kinder sagten, es gibt „Dunkelstunde“.
Anfang der 70er Jahre wurden die 15‑kV‑Leitungsmasten aus Holz durch neue Betonmasten ersetzt. Im Jahre 1993 wurde in Heyda die 15‑kV‑Spannung auf 20 kV und die Ortsnetzspannung auf 400/230 V umgestellt.
BG


