Die Sagen von Hirschstein

Zusammengetragen und aufbereitet von Bernd Gumpert.
Von der Gründung des Schlosses.
Zehn Kilometer von Riesa liegt das uralte Schloss Hirschstein auf einem hohen, freistehenden Felsen der Elbe. In der Nähe dieses Felsens hielt einst in der Mitte des 11. Jahrhunderts ein Markgraf von Meißen eine große Wildhetze ab. Dabei verfolgten schon viele Jahre hindurch die markgräflichen Jäger ohne jeden Erfolg einen weißen Hirsch, der wunderschön gewesen sein soll. Alles Unternehmen, ihn zu erlegen, war umsonst. Endlich erblickten sie ihn wieder; da stürzte sich der Hirsch von einem den Jägern bisher entgangenen Felsen in die Elbe herab und beinahe hätte die Begierde, den Hirsch zu fangen, mehrere der vornehmsten Waidgesellen mit in den Abgrund gerissen.
Zum Andenken erbaute man hier ein Jagdhaus, der Hirsch- Stein genannt, das anfänglich nur dazu diente, um den Markgrafen durch die reizende Aussicht in das Elbtal zu ergötzen- später wurde es ein ritterliches Schloss.
Ursprung des Sprichwortes: Hier ist nicht gut Kirschenessen.
Zu Ende des 13. Jahrhunderts besaß der Bischof Withego I. von Meißen das Schloss Hirschstein; er war ein geborener Graf von Kamenz. In einer Fehde war nun der Bischof von dem Markgrafen Friedrich Tuta (d. h. der Stammler) von Meißen besiegt worden, was der Grund eines tödlichen Hasses war, den der Bischof gegen den Markgrafen hegte. Um seinem Gegner irgendwie zu schaden, lud er diesen unter dem Vorwande, sich mit ihm auszusöhnen, zur Jagd auf sein Schloss Hirschstein ein. Der Markgraf, nichts Böses ahnend, folgte der Einladung, und ein fröhliches Jagen begann. Vom Durste gepeinigt, verlangte der Markgraf Kirschen zu essen. Darauf hatte der Bischof mit seinen Schergen schon gewartet - mit falscher Gastlichkeit setzte man dem Markgrafen vergiftete Kirschen vor, an deren Genuss er sein Leben aushauchte. Diese Begebenheit führte in späterer Zeit zu dem geflügelten Wort: Da und dort, oder mit dem und dem ist nicht gut Kirschen essen.
Die weiße Frau auf dem Schloss zu Hirschstein.
Vom Hirschsteiner Schloss geht die Sage, dass dort in manchen Nächten eine weiße Frau spukhaft durch die Zimmer huscht. Einem Gärtner ward einst selbst ein Schlafzimmer eingerichtet worden. Dieser hat mehrere Male beobachtet, wie nachts mit dem Schlage Zwölf eine weißgekleidete Frauengestalt zur Zimmertür hereingekommen ist, ohne dass sie die Tür geöffnet hätte. Die Gestalt hatte sich einige Male im Kreise herumgedreht und ist, ebenso lautlos wie sie gekommen, wieder verschwunden. Ein andermal wird er im Schlafe dadurch munter, dass er fühlt, wie jemand seine Bettdecke abhebt, und diese auf den Fußboden wirft; wie er sich herumdreht, sieht er gerade noch die weiße Frau zur Tür hinaus huschen. Einem Hirschsteiner Herrschaftsjäger soll einst einmal folgendes begegnet sein: Für den nächsten Tag war große Jagd im Hirschsteiner Revier angesetzt, und das Schloss ist voller Jagdgäste. Der Jägermeister sitzt mit einem jungen Grafen, den er morgen führen soll, in dessen Zimmer auf dem Schloss, und beide sind in ihre Jagdunterhaltung vertieft. Es vergeht Stunde um Stunde - Mitternacht naht schon, ehe der Jäger zum Schlafen gehen mahnt. Während man sich verabschiedet, schlägt die Turmuhr die zwölfte Stunde und siehe, zum Entsetzen der beiden, geht beim letzten Glockenschlag geräuschlos die Zimmertür auf - eine schneeweiße Frauengestalt geht hart an den beiden vorüber und verschwindet durch die andere Zimmertür ebenso lautlos wie sie gekommen ist. Der junge Graf war ganz gebrochen vor Schreck, und der Jägermeister musste die Nacht mit in seinem Gastzimmer verbringen.
Erzählungen eines Hirschsteiners
Die Amme von Hirschstein
Früher soll sich an der Außenseite des Schlosses Hirschstein nach der Elbe zu eine in Stein gehauene Figur, die ein Kind auf dem Arm hielt, befunden haben. Diese Figur sollte veranschaulichen, dass vorlangen Zeiten hier ein Wunder geschehen sei. Zu einem Kindtaufe Schmaus auf dem Schloss hatte sich die damalige Amme des neugeborenen Hirschsteiner Herrschafts-Sprösslings unvorsichtigerweise so dem Genuss des Weines hingegeben, dass sie nachher, als sie den Gästen ihren Pflegling gezeigt hatte, diesen anstatt in seine Wiege zum offenen Fenster des Schlosses hinauslegte. Der Säugling stürzte herab, blieb aber an den Zweigen eines am Felsen wurzelnden Strauches hängen, wodurch ihm sein junges Leben erhalten blieb. Als die Ehegatten des Abends nach ihrem Kinde sehen wollten, fanden sie die trunkene Amme am offenen Fenster sitzend - von dem Kleinen fehlte aber jede Spur. Voller Schrecken suchten sie überall, bis der Schlossherr, nach langem vergeblichem Suchen, seinen Schmerz zum Fenster hinausschrie - und siehe, da erblickte er sein Kind unversehrt im Gestrüpp schlafen. Das Unglücksfenster hat man zugemauert - und noch heute fällt dem Wandrer das vermauerte Fenster am Schloss nach der Elbseite zu auf.
Die Amme zu Hirschstein.
Zu Hirschstein im festlich geschmückten Saal,
Da saßen die Ritter beim Kindtaufemahl.
Die Becher kreisten die Tafel entlang,
die Hörner tönten mit lustigem Klang.
Der Burgherr füllte die Becher voll:
„Trinkt, edle Gäste! Des Kindes Wohl!"
Die Ritter hoben die Becher geschwind:
„Lang lebe klein Heldchen, das liebliche Kind“.
Hoch sprüht aus den Bechern der funkelnde Wein,
hell schmettern die silbernen Hörner darein.
Zur Burgfrau drängen die Gäste hinan:
„Aufs Wohl eures Kindes stoßt mit und an"
„O Jesus Maria, was ist mit Euch?
Eure Wange wird plötzlich so totenbleich!
"Die Burgfrau hält zitternd den Becher voll Wein
und stiert mit erschrocken Blicken hinein.
Na, seht doch der Wein, wird er so rot -
Barmherziger Gott mein Kind ist tot!"
